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Erfahrungsbericht Kroatien

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Erfahrungsbericht Kroatien

Luiz Fernando Braz ist Leiter der Fazenda da Esperanca in Bieckenried, Bayern. Schon öfters war er als spirituelle Betreuung bei unseren Projektwochen in Ost- und Mitteleuropa dabei. Hier berichtet er von seinen Erfahrungen der letzten Projektwoche im Februar 2018 in Kroatien.

Lokomotivführer

Orte, von denen ich sehr fasziniert bin, sind Flughäfen. Ich mag es, die Leute zu beobachten, die dort umhereilen.Wie einige die Wehmut und die Tränen des Abschieds zu verstecken versuchen; wie manche sich über den Wert ihrer Armbanduhr, den Schnitt ihrer Haare, den Glanz ihrer Schuhe, oder die wertvollen Dokumente in ihrem Aktenkoffer definieren. Und dann gibt es noch die, die es nicht rechtzeitig zu ihrem lang ersehnten Flug in den Urlaub oder nach Hause geschafft haben …

All das kann ich beobachten, während ich die Stunden bis zu meinem eigenen Abflug nach Kroatien warte. Und wie ich so den Menschen, wie sie in ihrer eigenen Welt gefangen sind, hinterherschaue, beginne ich über mein eigenes Leben nachzudenken.

Oft bin ich selbst wie gefangen in meiner Welt – in meinen Welten der Unsicherheit, des Perfektionismus, darin, was wohl Andere von mir denken … Ich fühle mich wie ein Gefangener meiner selbst.

Ich bin auf dem Weg nach Ludbreg in Kroatien, um an einer sozialen Projektwoche mit Jugendlichen teilzunehmen. Meine Aufgabe dort wird es sein, diesen Jugendlichen jeden Morgen einen spirituellen Impuls zu geben. Aber wie kann man über die Liebe sprechen, wenn man selbst in all diesen Gefühlen gefangen ist? Mein Kopf hört nicht auf zu rotieren, bis endlich der Abflug nach Kroatien ansteht.

In Kroatien angekommen, werde ich überaus herzlich von den Jugendlichen empfangen, die geradezu gierig erscheinen, etwas Neues in ihrem Leben zu erfahren. Unser Thema in der anstehenden Woche wird die Arbeit mit Kindern mit Behinderung sein.

Ich machte mir noch immer viel zu viele Gedanken: Angst, etwas falsch zu machen, und was wohl die Jugendlichen über mich denken würden … Ich war sehr unsicher, und in diesem Zustand fuhren wir zum ersten Ort, den wir besichtigen wollten: eine Förderschule für Kinder mit geistiger Behinderung.

Als wir bei der Schule ankamen, kam plötzlich ein Junge auf mich zu gerannt, umarmte mich und lachte mich an. Durch diese einfache, herzliche Geste fühlte ich mich unheimlich willkommen und angenommen. Ja, es war, als würde mich Jesus selbst umarmen und mir sagen: „Hör auf, unsicher zu sein! Das einzige, das zählt, ist, dass ich dich liebe.“

Wir sind mit den Kindern in ihr Klassenzimmer gegangen und sahen dem Religionslehrer zu, wie er sich bemühte,den Jugendlichen etwas didaktisch zu vermitteln. Dorian, ein ca. 15 Jahre alter Junge mit psychischem Defizit, imitierte währenddessen die ganze Zeit einen Zug, doch auf einmal hob er die Hand und fragte: „Was passiert nach dem Tod?“ „Wir kommen allen ins Paradies“, antwortete der Lehrer. „Und wie ist das Paradies?“, fragte Dorian weiter. „Jesus hat alles vorbereitet, was gut für uns ist und uns Freude gibt. Das Paradies ist ein wunderschöner Ort“, erwiderte der Lehrer mit einem Schmunzeln. „Und gibt es auch Züge im Paradies?“ Jetzt musste der Lehrer breit grinsen und sagte: „Ja sicher, und Jesus selbst fährt diesen Zug!“

Bild: Christian Hermann, flickr.com, CC BY 2.0, bearbeitet.

Dorian begann in die Hände zu klatschen, er lachte und sagte: „Jesus liebt mich so sehr, dass er selbst den Zug für mich fahren wird!“

In diesem Moment füllte sich mein Herz plötzlich wieder mit Freude. Der Satz dieses Jungen in all seiner Einfachheit war die Antwort auf all diese Fragen, die ich mit mir herumschleppte. Lass Gott den Zug deines Lebens lenken, Luiz, und du wirst so frei sein wie dieser Jugendliche! Die Gewissheit über die Liebe Gottes lässt ihn frei sein, und die Sicherheit, dass Jesus den Zug lenkt, gibt ihm eine Freude, die ihm niemand nehmen kann.

In mir stieg der starke Wunsch auf, Gott die Führung meines Lebens zu übergeben – die Gewissheit, geliebt zu sein,gewann Raum in mir, und meine Ängste, hinter denen ich mich versteckte, mein Perfektionismus, meine Unsicherheit und all die Sorgen, was Andere von mir denken könnten, erschienen plötzlich nicht mehr ganz so groß.

Dorian zeigte mir mit all seinen Begrenzungen, was das Wichtigste im Leben ist: die Gewissheit, von Gott geliebt zu sein, die Gewissheit, dass er mich in meinem Leben führen möchte. Diese Gewissheit gibt eine Freiheit, nach der ich in meinem ganzen Leben suchte und die ich so bis heute nicht gespürt hatte.

Diese Erfahrung begleitete mich schließlich die ganze Woche. Jede Begegnung mit diesen Kindern zeigte mir, wie einfach Gott ist, und so wuchs mein Vertrauen, dass er mich mit einer unendlichen Liebe liebt. Ich versuchte, diese Freude mit den Jugendlichen zu teilen, und jedes Mal, wenn wir unsere Erfahrungen austauschten, war es, als seiGott mit seiner Liebe unter uns gegenwärtig. Das Schönste bei all dem war, dass jeder Einzelne der Jugendlichen dies spüren konnte.

Auf dem Heimweg wollte ich am liebsten jedem von dieser Liebe Gottes erzählen; mir gelang es nicht, mein Grinsen zu verstecken, die Freude in mir war zu groß. Ich hatte wohl das Gleiche wie Dorian erfahren: „Jesus liebt mich so sehr, dass er selbst den Zug für mich fährt!“